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Warum die Emanzipation der Frau an Kirchentüren oft Halt macht

Brave. 

Unter diesem Motto stand die diesjährige Ladies Lounge des ICF. Das ICF (International Christian Fellowship) ist eine christliche Freikirche, die mit lebensnahen Predigten und modernem Lobpreis vor allem jüngere Leute anzieht. Vor einigen Jahren rief Susanna Bigger – die Gründerin und Senior Pastorin des ICF Movements – eine Konferenz ausschließlich für Frauen ins Leben. Ziel dabei ist, Zeit mit Gott zu verbringen, Gemeinschaft unter Frauen zu schaffen und die Ladies zu ermutigen. Im letzten Jahr habe ich an der Ladies Lounge in München teilgenommen – dieses Jahr war ich in Berlin dabei. Die Konferenz fand an einem der beiden ersten Novemberwochenenden an unterschiedlichen Standorten statt: Zürich, Stuttgart, Karlsruhe, Tel Aviv, Leiden und vielen mehr.

Aufgeregt und voller Vorfreude fuhr ich am 09. November nach Berlin. Die Ladies Lounge, die in den Räumlichkeiten einer Baptisten-Gemeinde in Berlin Schönefeld stattfand, war mit 500 Plätzen ausverkauft. Viele reisten aus den umliegenden ICF Standorten Leipzig und Dresden an, um zusammen Jesus zu feiern.

Gemeinsam Herzen öffnen, Mut und Hoffnung schöpfen.

Männer sah man auf dieser Konferenz nur spärlich. Nur als Unterstützer bei der Technik, an der Garderobe oder bei der Essensausgabe am Mittag waren sie eingesetzt. Männliche Zuschauer gab es auch nicht. Bei dieser Konferenz standen die Ladies im Mittelpunkt und das habe ich auch in der Organisation gemerkt! Auf der Bühne standen – abgesehen vom Worshipteam – auch nur Frauen.

Eine Predigt, die mich ganz besonders berührt hat, war die von Pastorin Lia, die gemeinsam mit ihrem Mann die Heart of God Church in Singapur gegründet hat und bis heute leitet. Pastorin Lia war natürlich nicht live in Berlin – hat aber eine Woche vorher bei den Ladies in Zürich gepredigt. Dort wurde ihre Predigt aufgezeichnet und nun bei uns abgespielt. Selbst jetzt – einige Wochen nach der Konferenz – bekomme ich in Erinnerung an ihre Worte eine Gänsehaut. Sie erzählte von ihrem Kampf gegen den Krebs. Sie erzählte, wie sie es geschafft hat, mit Gottes Hilfe durch diese Höllenqualen zu gehen. Sie erzählte mit leuchtenden Augen, wie ihr Glaube nur noch stärker geworden ist.

Drei Punkte hat sie uns Zuhörerinnen mit auf den Weg gegeben 

Punkt 1: Fight the right Battle! Sind wir Opfer oder Gewinner? Opfer sprechen über die Berge, die es zu überwinden gibt. Gewinner sprechen zu den Bergen.

Punkt 2: Fight the right Enemy! Kämpfe in schweren Zeiten nicht gegen Gott. Kämpfe gegen den Teufel, der dir sagt, dass du es nicht schaffst.

Punkt 3: Fight-Fight-Fight-Attitude. Manchmal ist die beste Verteidigung der Angriff. Wir müssen für das kämpfen, was wir erreichen wollen.

Was für Statements!!! Ich wünsche mir, dass ich mir in Zeiten, in denen ich Hoffnungslosigkeit, Angst und Mutlosigkeit verspüre, mich an genau diese Worte zurückerinnere!

Ein Highlight der Ladies Lounge für mich war auch der Input von vier Pastorinnen des ICFs verschiedener Standorte. Sie ließen uns Frauen Teil haben an ihren ganz persönlichen, aktuellen und sehr emotionalen Kämpfen. Ich fand es bewundernswert und extrem mutig, wie sich Frauen auf eine Bühne stellen können und über ihre tiefsten Schicksalsschläge sprechen. In diesem Moment herrschte eine total intime und vertraute Atmosphäre unter uns Frauen. Ich realisierte, dass jede von uns ihre Geschichte hat. Die vier Frauen erzählten, wie Gott ihnen geholfen hat, aus dieser Krise herauszukommen und legten damit ein Zeugnis über das Wirken von Gott ab. In diesem Moment habe ich mich unglaublich angesprochen und abgeholt gefühlt. Mit so einer Power und Selbstbewusstsein über seinen Schwächen zu stehen und dann noch daran zu wachsen, hat mich extrem berührt.

Ich verließ die Konferenz mit einem fröhlichen und gestärkten Herzen. Was ich mir auf jeden Fall von der Veranstaltung mitgenommen habe, ist das stets wiederkehrende Motto der Predigten:

Ich kann nicht zu jeder Zeit stark sein – mutig jedoch immer. 

Zwei inspirierende Tage mit wertvollen Inputs liegen nun hinter mir und ich beginne zu reflektieren. Seit über einem Jahr besuche ich nun das unkonventionelle ICF. Anfang des Jahres habe ich meine alte Gemeinde verlassen, an die ich jetzt zurückdenke. Eine Frau als Sprachrohr? Eine Frau als Leiterin? Eine Frau als Pastorin? Gab es das? Was für moderne Freikirchen wie das ICF als selbstverständlich gilt, ist in anderen Gemeinden und Konfessionen ein NO-GO.

Die Ladies Lounge war Anstoß, mich mit dem Thema Frauen in kirchlicher Leitung zu beschäftigen. Dass weltweit jene Kirchen, die keine Frauen als Priesterinnen anerkennen, nach Mitgliederzahl in der deutlichen Mehrheit (85%) sind, schockiert und ernüchtert mich! Dieser Fakt erinnert mich an die Frauenquote auf Managerebene. Braucht es eine solche auch für „christliche Führungskräfte“?

Schauen wir uns zunächst den Stand der Dinge an.

In vielen Kirchen wird eine Frau weder als Diakonin, Priesterin, Bischöfin – oder genereller gesagt als geistliche Führung – anerkannt. Das ist z.B. so in der römisch-katholischen, der orthodoxen sowie im Großteil altorientalischer Kirchen. Wer glaubt, dass das Verbot der Frauenordination nur noch ein „Überbleibsel“ der römisch-katholischen Lehre ist, der irrt. Erst im November 2016 erteilte Papst Franziskus der Weihe für Frauen eine Absage!

Und wie sieht es im Protestantismus aus? Wie bei anderen Traditionen geht die evangelische Kirche auch bei diesem Thema „entspannter“ um. Doch auch hier kann man nicht pauschalisieren: ob eine Frau als geistliche Führungskraft eingesetzt wird oder nicht, ist gemeindeabhängig und von Ort zu Ort unterschiedlich. Gemeindezugehörigkeit oder Konfession geben also keine Antwort auf die Frage: Frauenordination ja/nein?

Ich frage mich, warum wir in einer scheinbar emanzipierten Welt keine Gleichberechtigung in der Kirche haben. Doch schauen wir uns an, was die Kirchen dazu sagen.

Hinweis: Die Gründe gegen sowie für die Frauenordination haben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Das Thema ist extrem komplex, sodass in der Argumentation nur an der Oberfläche gekratzt wird.

Gründe gegen die Frauenordination

Grund Nummer 1: Unter den Jüngerinnen und Jüngern hat Jesus zwölf ausschließlich männliche Apostel auserwählt. Diese sollten ihn ständig begleiten und von ihm lernen und seine rettende Botschaft verkünden (Markus 2, 13-19). Auch das Abendmahl feierte er mit nur diesen zwölf männlichen Aposteln (Lukas 22, 14.20).

Grund Nummer 2: Jesus selbst war ein Mann. Die römisch-katholische Kirche weist z.B. darauf hin, dass der Priester bei der Messe in personaChristi handelt. Das bedeutet so viel wie: Der Priester ist nicht der, den man sieht oder hört, sondern Christus selbst. Aus diesem Grund muss auch der Priester männlich sein.

Grund Nummer 3: Der wahrscheinlich am häufigsten angebrachte Bibelvers in der Frauenordinationsdebatte findet sich im Brief des Apostel Paulus an Timotheus. In dem heißt es:

„Die Frau soll still zuhören, wenn in der Gemeinde gelehrt wird, und bereit sein, sich ganz unterzuordnen. Einer Frau erlaube ich nicht, öffentlich zu lehren oder sich über den Mann zu erheben. Sie soll vielmehr still und zurückhaltend sein.“(1. Timotheus 2, 11-12)

Puuuh, eine ganz schön krasse Ansage, wie ich finde. Die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) bspw. lehnt diese Argumentation allerdings vehement ab. Eine isolierte Interpretation einzelner Bibelverse, in denen so immense Geschlechtsunterschiede abgeleitet werden, ist nicht haltbar – so die EKD. Einzelne Verse als „Beweissätze“ zu interpretieren ohne den Kontext einfließen zu lassen, ist voreilig! Vielmehr sollten der Autor des Briefes, die damalige Tradition und Kultur, die Zeit und der Ort sowie die Umstände, der Anlass und die Situation, in dem der Timotheusbrief geschrieben wurde, berücksichtigt werden.

Gründe für die Frauenordination

Also: ob die Frauenordination erlaubt oder unerlaubt ist, hängt grundsätzlich von der Bibelauslegung ab. Schauen wir noch mal tiefer rein, was die Bibel sagt:

Grund Nummer 1: Im Evangelischen gibt es geistlich gesehen keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Das evangelische „Priestertum aller Getauften“ legitimiert alle Getauften zur Nachfolge Christi. Das bedeutet, dass jeder getaufte Mensch auch das Amt als Kirchenleiter oder Kirchenleiterin übernehmen kann.  Im Brief an die Galater – übrigens auch wieder von Apostel Paulus – lesen wir:

„Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (1. Galater 3, 28)

Grund Nummer 2: Im letzten Abschnitt des Briefes an die Römer grüßt (auch wieder) Apostel Paulus eine Vielzahl an Frauen. Darunter sind: Phoebe, die als Schwester im Dienst der Gemeinde von Kenchreä stand, (Römer 16, 1-2), Maria, die sich viel Mühe gemacht hat (Römer 16, 6) und Persis, die sich für den Herrn eingesetzt hat (Römer 16, 12). Diese Textstellen können ein Indiz dafür sein, dass Frauen zur damaligen Zeit einen gemeindeleitenden Charakter hatten und wichtige Dienste übernahmen.

Ich könnte jetzt noch viele Argumente für oder gegen die Ordinierung von Frauen anführen, aber dieser Vorgeschmack sollte reichen.

Nach intensiver Recherche im Internet und in der Bibel sowie ausgiebiger Diskussionen zu diesem Thema, bin ich zu der Meinung gekommen, dass Frauen als Leiterinnen ein absolutes GO sind. Vielmehr: dass Frauen (Leiterschafts-)Potenzial besitzen und dadurch ein absoluter Segen für die Gemeinden sein können. Das habe ich definitiv bei der Ladies Lounge gemerkt.

In unserer heutigen (deutschen) Gesellschaft haben Frauen wie Männer die gleichen Rechte. Beide dürfen Geld verdienen, Auto fahren, Kinder aufziehen, haben Wahlrecht, dürfen in Unternehmen und Politik mitreden… Warum sollten diese Rechte an den Gemeindetüren abgelegt und abgegeben werden?

Ich bin zudem der Meinung, dass es niemals eine Sünde ist, von Jesus und dem Evangelium zu berichten. Es gibt sowohl Männer als auch Frauen, die geborene Leiter bzw. Leiterinnen sind, wobei das Talent nicht vom biologischen Geschlecht abhängt!

Ich finde es großartig zu sehen, wie Leiterinnen – wie zum Beispiel auf der Ladies Lounge des ICF – andere Frauen mit ihrer Energie anstecken, Gottes Wort auslegen und somit ein Segen für andere sind!

Für weitere Infos zu dem Thema kannst du zum Beispiel hier nachlesen:

       

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