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Unsere England-Experience

„Oh, you are from Germany!“ Der englische Mönch strahlt und erzählt uns sogleich eine Anekdote aus seinem Leben, als er noch mit einem alten Bus durch Europa gereist ist. Die Polizei in Deutschland, so sagt er, hatte ihn einmal im Visier. Damals stand er ziemlich lange mit seinem Bus an einem Ort. Mitten in der Natur an einem Fluss, um ausgiebig das Herz-Sutra zu studieren.

Das Herz-Sutra gehört zu den wichtigsten Schriften des Mahayana-Buddhismus.

Es enthält sozusagen den Kern, das „Herz“ der buddhistischen Lehre. Es ist vergleichsweise kurz. Um also die buddhistische Weisheit zu verinnerlichen, rezitieren viele Gläubige das Herz-Sutra gewissenhaft jeden Tag. Zum Beispiel in Form eines Mantras. Während der Mönch also fleißig tagelang an einem Fluss in Deutschland das Herz-Sutra studiert hat, wurde die Polizei auf ihn aufmerksam. Was war das für ein komischer Mann, der alleine in einem Bus lebt und Tag für Tag seltsame Verse vorliest? War es möglich, dass er etwas Kriminelles plant? Die heimliche Überwachung durch die Polizei begann. Bis es den Beamten irgendwann zu bunt wurde und sie den Mönchen nach weiteren Tagen auf sein Gehabe ansprachen.

Die Polizisten sind schließlich ganz erstaunt, dass dieser Mann am Fluss tatsächlich nur eines tut – und zwar beten.

Sie sind beruhigt, befremdlich finden sie es dennoch. Und raten dem buddhistischen Mönch freundlich zur Weiterreise. In Deutschland muss eben alles seine „Ordnung“ haben.

Er lacht, als er uns das erzählt. Und wir lachen mit. Seine Freundlichkeit ist ansteckend und ehrlich. Und als er wenig später die geführte Meditation beginnt, kommt der aufregende, neue Alltag der letzten Wochen zur Ruhe. Alles ist zentriert. Und eine Stunde später gehen wir entspannt zurück in unser Studentenwohnheim – das gerade einmal zwei Häuser weiter ist.

Es ist September und wir haben gerade unser Auslandssemester in England begonnen.

Es ist spannend zu sehen, welche Angebote unsere Universität hier in England für Gläubige aus aller Welt schafft. Gebets- und Meditationsräume gehören dazu. Der buddhistische Mönch bietet sogar zweimal die Woche eine geführte Meditation an. Auch wenn er sich große Mühe gibt, ist die Nachfrage geringer als ich sie aus anderen Meditationsklassen kenne. Irgendwie schade. Von den Besuchszahlen der Chaplaincy der Universität haben wir einen ähnlichen Eindruck. Liegt es an den Studenten hier? Ist das Interesse an Religion und Spiritualität womöglich nicht sehr groß? Um offen für alles zu bleiben, begleiten wir einige Mitarbeiter der Chaplaincy zu einem katholischen Gottesdienst der örtlichen Kirche. Wir wollen es uns einmal ansehen. Obwohl die Leute sehr freundlich sind, holt mich die Predigt nicht im Geringsten ab. Ich gebe zu, es ist früh, ich bin müde und die Bibelstelle, die der Pfarrer vorliest, ist echt lang. Es geht um die Sünde und der Umgang mit jenen, die dazu verführen. Der katholische Pfarrer hat einen klaren Rat für die Begegnung mit „Verführern“ und zwar Folgenden: Run!

Ganz richtig gelesen. Run!

Wenn das Böse kommt und dich verführen will, dann lauf weg. Ich glaube, ich weiß, was er meint, aber dennoch bin ich irritiert. Es folgt Beispiel um Beispiel und immer wieder ist die Lösung: Run! Chelli und ich werfen uns einen Blick zu, sehen zur Tür und denken wohl beide dasselbe. Run?

Nein, wir sind natürlich nicht aus der Kirche gerannt. Den freundlichen Engländern gegenüber, die uns mitgenommen haben, wäre das nicht fair gewesen. Aber auch Chelli als Christin ist kein Fan von dieser Predigt.

Christentum ist eben nicht gleich Christentum.

Auf persönlicher Ebene können wir uns beide nicht so ganz mit der katholischen Kirche identifizieren. Gerade auf meinem eigenen Glaubensweg stellte ich immer wieder fest, dass ich der katholischen, aber auch der evangelischen Institution Kirche oft skeptisch gegenüberstehe. Beginnend bei der Kirchensteuer, über Missbrauchsskandale, Korruption, bis hin zu fehlender Flexibilität hinsichtlich kontroverser Themen wie Verhütung, Abtreibung und Homosexualität. Ist es in einer Freikirche womöglich anders? Der Dialog offener, die Finanzierung transparenter? Wir beginnen, öfter nach London zu fahren.

London als Megacity – ein Schmelztiegel für verschiedene Religionen, für Diversität und Austausch.

Und mitten an der Tottenham Court Road im Dominion Theatre findet jeden Sonntag gleich viermal der Gottesdienst, oder auch „Service“ der Hillsong Church statt – eine christliche Freikirche, die ihren Ursprung in den 80ern in Sydney, Australien hat.

Gegründet wurde sie damals von dem Pastoren-Ehepaar Brian und Bobbie Houston. Mittlerweile ist die Hillsong Church in 23 Ländern der Welt vertreten und die Gemeinde in London ist verdammt groß! Das Theater, wo circa 2000 Menschen Platz haben, ist jedes Mal voll und noch nie war ich in einem vergleichbaren Gottesdienst. Hillsong schreibt seinen eigenen Gospel und dafür ist die christliche Gemeinde auch bekannt – die Songs der Hillsong Bands haben schon mehrfach die australischen Charts gestürmt. Im Dominion Theatre wird mir auch bewusst, warum. Sobald die Band die Bühne betritt, sind die Leute auf ihren Füßen singen mit.

Bei Hillsong herrscht Stimmung wie bei einem Popkonzert.

Die Energie bei jedem Service ist positiv und euphorisch, die Interpretation von Kirche jung und modern. Auf den ersten Blick spiegelt die Diversität der Besucher auch mein Bild von London wider. Begonnen bei Diversität, die man sehen kann, wie verschiedene Hautfarben und Altersklassen, sowie die Diversität, die man erfragen muss, wie beispielsweise die Herkunft.

Zwischendurch wird natürlich auch gepredigt. Die Botschaft dreht sich um Jesus – er ist die zentrale Figur auch in der Hillsong Church. Es wird mit Bibelversen gearbeitet, aber die verschiedenen Prediger geben sich Mühe, den Bezug zur Realität herzustellen und sich auf eine positive Message zu konzentrieren: 

Nächstenliebe, Vertrauen, Akzeptanz und Wertschätzung.

Es ist beeindruckend, wie viel Mühe, Hingabe und Professionalität die Mitglieder in diese Freikirche investieren. Und da Weihnachten eines der wichtigsten christlichen Feste ist, hat die Hillsong Church auch hier ein besonderes Angebot für ihre Mitglieder – die London Carols. London ist schließlich bekannt für Musicals und das Theater.

London Carols!

In der Wembley Arena wird für mehrere tausend Menschen die Reise der Drei Könige nach Jerusalem als Musical inszeniert. Allerdings ein bisschen freier interpretiert als es in der Bibel steht. Die Reise wird eine Welt- und Zeitreise durch verschiedene Kulturen und Epochen, untermalt von einem Orchester, Chören, talentierten Sängern, Tänzern, Musikern und Schauspielern. Seit mehreren Jahren schon veranstaltet Hillsong auf diese Weise eine der größten Carols-Veranstaltungen in Großbritannien. Fünf Pfund Verwaltungsgebühr kostet ein Ticket und deckt wohl nur ansatzweise den Mietpreis der Wembley Arena. Wie viele Freikirchen finanziert sich auch Hillsong über die Spenden der Mitglieder – so etwas wie eine Kirchensteuer gibt es für diese christlichen Gemeinden nicht. Der Sonntags-Service ist aber kostenfrei. Für mich ist eine Kirche wie Hillsong definitiv eine neue Erfahrung und ich kann durchaus nachvollziehen, warum sich moderne Christen hier wohler fühlen als in der evangelischen oder katholischen Kirche.

Dennoch komme ich ein bisschen ins Stutzen.

Die Mega-Gottesdienste und die Inszenierung der Bibel als „The New Testament Experience“ ist natürlich auch eine Strategie, um neue Mitglieder zu werben. Mitglieder, die im besten Fall einen Zehnten ihres monatlichen Gehalts der Freikirche spenden. Ein Prozent mehr also als die Kirchensteuer. Natürlich müssen sich Glaubensgemeinschaften finanzieren, das ist klar. Sonst könnten sie nicht funktionieren. Was ich viel spannender finde, ist, was macht Hillsong mit den Mitgliedsbeiträgen? Ich fange an zu recherchieren.

Wie transparent ist Hillsong?

Zumindest für Hillsong in Australien gibt es einen jährlichen Bericht, der die Finanzströme der Freikirche veröffentlicht. Besonders detailliert ist der leider nicht und der Großteil der Einnahmen wird unter „Church and other benelovent activities“ verbucht. Ich weiß, dass Hillsong 2016 in die Kritik geraten ist, gerade einmal vier Prozent Charity-Ausgaben zu tätigen. Zu wenig für eine christliche Kirche, fragt man sich? Was sagt Hillsong selbst dazu? In einem Statement betonen die Vertreter der Glaubensgemeinde, dass Hillsong natürlich viele Charity-Projekte unterstützt, aber per Definition eine Kirche ist und keine Wohltätigkeitsorganisation. Die oberste Priorität ist und bleibt die Stärkung und der Ausbau der Glaubensgemeinschaft. Der Großteil fließt also in den weltweiten Ausbau der Kirchen, der Church Community, des Bible Colleges und ähnliches. Eine Gleichung, die auf die meisten Glaubensgemeinschaften zutrifft, denn:

Religion ist auch nicht gleichzusetzen mit Wohlfahrt.

Nichtsdestotrotz vertreten gerade christliche Kirchen den Wert: Gebt den Armen! Hillsong predigt das sogar ganz aktiv. Daher sind mir persönlich vier Prozent der Gesamteinnahmen für Wohltätigkeitszwecke zu wenig. Was ich zum Thema Mitgliedsbeiträge jedoch wichtig finde, ist, dass Hillsong in seinem Statement selbst betont, dass die Spenden auf freiwilliger Basis funktionieren und anonym sind. So hat man zum Beispiel die Möglichkeit im Gottesdienst zu einem anderen Zeitpunkt über das Handy zu spenden und muss nicht die Kollekte benutzen. Viele geben die Kollekte weiter ohne etwas zu spenden und das ist vollkommen in Ordnung, was auch Hillsong betont.

Unsere Studienzeit in England neigt sich bereits wieder dem Ende zu.

Angefangen von Meditation und Yoga, über die Erfahrungen mit Hillsong bis hin zu zahlreichen, bereichernden „Küchen-Gesprächen“ bis spät in die Nacht mit unseren (teils atheistischen) Mitbewohnern haben wir definitiv einen interessanten Glaubens-Mix erlebt. Und wieder einmal festgestellt – nichts ist schwarz und weiß. Man kann christliche Werte leben und dennoch nicht einverstanden sein mit dem, was die Institution Kirche tut. Glaube ist etwas unfassbar persönliches und die eigene Beziehung zu Gott kann einem niemand vorschreiben oder diktieren. Gerade bei Freikirchen wie Hillsong bin ich davon überzeugt, dass sie vielen modernen Christen ein Zuhause bietet. 

Mit diesem Artikel wollten wir euch einen kleinen Einblick geben. In unsere Zeit in England. Und in die Glaubensthemen, mit denen wir uns hier bewusst auseinandergesetzt haben. Durch den Austausch mit anderen haben wir viele Fragen diskutiert. Zum Beispiel: wo fängt eine Sekte eigentlich an? Hat Hillsong oder andere charismatische Freikirchen nicht auch sektenartige Aspekte? Wie schafft es eine so moderne Kirche junge Menschen anzuziehen, wobei gleichzeitig extrem konservative Werte bspw. hinsichtlich Homosexualität vermittelt werden? Sind diese Werte nicht längst überholt? Themen, die wir unbedingt in separaten Artikeln noch einmal genauer behandeln wollen, da sie so wichtig sind.

Wir nehmen aus unserem Auslandssemester auf jeden Fall eine Menge mit. Ideen für neue Artikel. Themen, denen wir noch mehr Aufmerksamkeit auf dieser Plattform schenken wollen. Natürlich interessiert uns auch eure Meinung dazu! Habt ihr schon mal Erfahrungen mit Freikirchen/freien Glaubensgemeinschaften gemacht? Und wie habt ihr euren Glauben praktiziert, wenn ihr mal nicht in der Heimat und eurer gewohnten Gemeinschaft gelebt habt? Lasst uns gerne eure Meinungen da!

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