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Offen für Gott – Wie der portugiesische Jakobsweg mich verändert hat

Der Jakobsweg. Oder klangvoller auf Spanisch: Camino de Santiago de Compostela. Camino bedeutet Weg und Santiago de Compostela (eine traditionsreiche, spanische Stadt) ist das Ziel dieses Weges – der Weg nach Santiago also. Genauer zu einer gewaltigen Kathedrale, in der sich der Legende nach die Gebeine des heiligen Jakobus befinden. Des Jünger Jesu, der später in Spanien missionierte und als Märtyrer für das Christentum starb. Bereits im Mittelalter wurde der Weg von Christen gepilgert, denn die Route nach Jerusalem zum Grabe Jesu war aufgrund kriegerischer Kreuzzüge ein lebensgefährliches Unterfangen. Neben Rom und Jerusalem wurde Santiago zu einem der wichtigsten Pilgerziele der Christengemeinde. Wer die Pilgerreise nach Santiago de Compostela erfolgreich abschließt, der wird, laut katholischem Glauben, von seinen Sünden reingewaschen. Es geht also in gewisser Weise darum Buße zu tun. Mittlerweile ist der Jakobsweg einer der am stärksten frequentierten Pilgerwege weltweit. Seine Berühmtheit hat er sicher auch den Büchern des brasilianischen Schriftstellers Paulo Coelho oder des deutschen Komikers Hape Kerkeling zu verdanken. Beide Männer sind den Weg gegangen. Und beide verbindet dabei die Suche nach Gott.

Als ich mich im Sommer 2018 relativ spontan dazu entscheide, den portugiesischen Jakobsweg zu gehen, möchte ich vor allem Klarheit finden. Ich strebe nicht bewusst eine Begegnung mit Gott an. Das kommt mir zu dem Zeitpunkt völlig übertrieben vor. Doch ich will für alles offen sein. Schließlich ist es ein christlicher Pilgerweg. Würde es mir nur darum gehen, draußen in der Natur zu sein, hätte ich eine andere Route gewählt.Nur knapp zwei Monate vor dem Start meiner Pilgerreise bin ich von einer mehrmonatigen Reise durch Südostasien zurückgekehrt. Eine Reise, die mich dem Buddhismus noch näher gebracht hat. Bereits in Deutschland besuchte ich regelmäßig ein buddhistisches Zentrum der Mahayana Tradition, um zu meditieren. Die Lehren Buddhas waren für mich immer logisch. Fühlten sich „richtig“ an. Diese Religion hautnah in Asien zu erleben, empfand ich daher als unglaubliche Bereicherung! Ich habe zahllose, wundervolle Tempel gesehen, inspirierende Gespräche mit Mönchen geführt und mehrere Tage in einem thailändischen Kloster verbracht. Diese Erfahrungen nehme ich mit zurück nach Deutschland.

Jetzt heißt es „sortieren“ und „verarbeiten“. Gar nicht so einfach.

Ich bin damit beschäftigt, mich wieder an meine Heimat zu gewöhnen. An die „herzliche“ Art der Deutschen. Gleichzeitig habe ich alle Hände voll damit zu tun, meinen Umzug in eine neue Stadt zu planen. Bevor aber mein Masterstudium in Magdeburg beginnt, habe ich noch etwas Leerlauf. Richtig frei bekomme ich den Kopf nicht und ich will die Zeit mit etwas Sinnvollem füllen. Der Jakobsweg spukt in meinem Kopf herum. Daran ist auch mein Vater Schuld. Er ist den Weg bereits Anfang des Jahres gelaufen, als Auftakt zur Rente. Seitdem versorgt er die ganze Familie mit begeisterten Geschichten. Zwei Wochen Wandern haben auf ihn einen ganz schön nachhaltigen Eindruck gemacht! Bei ausgedehnten Spaziergängen erzählte er mir alle möglichen Anekdoten und die Idee keimte in mir. Ich habe ja noch ein bisschen Zeit, warum nicht auch lospilgern? Ich wandere ohnehin gerne. Meinem Vater zufolge, eignet sich der Weg außerdem hervorragend für Menschen, die sich „über etwas klar werden wollen“. OK, verstanden! Davon gibt es bei mir zurzeit eine Menge!

Die Entscheidung, den portugiesischen Jakobsweg diesen Sommer noch zu laufen, ist gefallen.

Startpunkt ist die Stadt Porto. Von dort sind es ca. 250 Kilometer nach Santiago. Es gibt im Übrigen viele Wege nach Santiago, die in allen Ecken Europas starten. Den einen Jakobsweg gibt es nicht. Es ist vielmehr ein Netzwerk aus Pilgerpfaden, die alle dasselbe Ziel haben. Ein Großteil dieser Wege verbindet sich kurz vor den Pyrenäen in Frankreich zu einer 800 Kilometer langen Strecke nach Santiago. Dieser Wegstrang ist das, was häufig als „der Jakobsweg“ verstanden wird, da der Pilgerstrom hier am dichtesten ist. Die Wegweiser sind jedoch bei allen Jakobswegen dieselben: Ein gelber Pfeil und/oder eine gelbe Jakobsmuschel. Folgt man diesen Symbolen, kommt man zielsicher nach Santiago. Da ich aber keine sechs Wochen Zeit habe und nicht sicher bin, ob das Pilgern überhaupt was für mich ist, entscheide ich mich für eine kürzere Variante. Den Camino Português.

Außer einem kleinen Rucksack, neuen Wandersocken und Flugtickets muss ich eigentlich nicht viel besorgen. Nur eine essentielle Sache: den offiziellen Pilgerausweis! Ich bestelle das kleine Papierheftchen zwei Wochen vor Abflug. Der Pilgerausweis dient dazu, Stempel in den Herbergen zu sammeln. Das ist nicht nur wichtig, um in den Herbergen vergünstigt zu übernachten. Ohne einen ausreichend gestempelten Pilgerausweis gibt es zum Schluss in Santiago keine Pilgerurkunde, die sogenannte „Compostela“. Ein wunderschönes Schreiben, das die Pilgerreise bestätigt und zwar auf Latein. Ganz wie im Mittelalter eben. Mir gefällt dieser bis heute andauernde Brauch und jetzt kann ich es kaum mehr erwarten. Den Pilgerausweis in den Händen zu halten, ist wie ein Commitment. Der inoffizielle Start der Pilgerreise, die bereits im Herzen beginnt.

Bewusst setze ich mich nun mit meinen Erwartungen an diesen Weg auseinander. Ich will meine lange Reise verarbeiten, in Ruhe nachdenken und mir Mut machen für den bevorstehenden Umzug. Doch da ist noch mehr. Seit drei Jahren beschäftige ich mich nun intensiver mit dem Buddhismus, aber meine kulturellen Wurzeln liegen im Christentum. Als Teenager war ich überzeugte Atheistin. Leise und schleichend hat sich meine Einstellung jedoch geändert und jetzt bin ich neugierig. Neugierig auf die Pilgerreise und in welcher Form der christliche Glaube mir hier begegnen wird.

Am 29. August 2018 beginne ich meine Pilgerreise und stelle schnell fest, dass sehr viele Menschen den Jakobsweg alleine starten. Nicht nur Katholiken, sondern vor allem auch solche, die keinem konkreten Glauben angehören. Der „Hype“ um den Jakobsweg beschränkt sich längst nicht mehr auf die christlichen Pilger. Bereits an meinem ersten Abend treffe ich auf eine junge Studentin, die einfach mal etwas für sich selbst machen wollte. Den Kopf frei bekommen, sich beweisen, dass man es schaffen kann. Zeit zum Nachdenken finden. Sich selbst näher kommen. Im Laufe der nächsten zwei Wochen drehen sich viele Gespräche um dieses Thema. Meine Mitpilger wollen während der Zeit auf dem Weg aus dem Alltag ausbrechen. Sie suchen nach neuen Perspektiven oder wollen Altes aufarbeiten. Erstaunlich viele von ihnen stehen an einem Wendepunkt in ihrem Leben. Ein neuer Job hier, ein abgeschlossenes Studium dort, eine überwundene Krankheit oder das Ende einer bestimmten Lebensphase. Bei Anderen ist es lediglich der Wunsch nach Veränderung, die so noch nicht eingetreten ist. Die Sehnsucht nach Glück, Klarheit oder Vergebung. Das Wort Gott fällt vergleichsweise selten in den vielen, inspirierenden Gesprächen, die ich führe. Und doch ist da diese Präsenz. Die Magie des Weges. In der Pilgergemeinschaft herrscht meistens eine angenehme Harmonie und Offenheit. Jeder läuft in der gleichen verschwitzten Outdoorkleidung herum. Man sieht niemandem seinen gesellschaftlichen Status an. Ob Bänker oder Bauarbeiter, auf dem Jakobsweg spielt das keine Rolle. Alle haben dasselbe Ziel. Und dieses Ziel vereint die aus allen Ecken und Ebenen der Welt stammenden Pilger.

Als ich meinen Camino beginne, bin ich zuerst gar nicht auf viel Gesellschaft aus. Auf meiner Langzeitreise war ich fast immer mit Leuten zusammen. Diesmal will ich einfach nur meine Tagesetappen in Ruhe in meinem Tempo gehen und nachdenken. Ich will es „alleine schaffen“. Vielleicht ist auch ein wenig sportlicher Ehrgeiz dabei, denn mein Zeitplan ist begrenzt und ich muss durchschnittlich 22 km am Tag schaffen. Natürlich ist das für den Körper eine Belastungsprobe, denn die Spätsommertemperaturen klettern häufig über die 30-Grad-Marke. Zudem müssen Muskeln und Gelenke mit dem zusätzlichen Gewicht des Rucksacks fertig werden. Obwohl meine Füße jeden Tag schmerzen und klagen, empfinde ich das Pilgern jedoch nicht als Qual. Irgendwie wird der körperliche Schmerz dadurch relativiert, dass hier jeder humpelt und stöhnt, sodass man schon fast wieder darüber lachen kann. Es dauert einige Tage, bis ich realisiere, wie sehr ich den unvoreingenommenen Zusammenhalt der Pilger genieße. Zwar laufe ich gerne ein paar Stunden am Tag für mich allein, und diese Zeit brauche ich auch für mich, aber genauso schön finde ich es, mit Jemandem gemeinsam zu gehen. Gerade gegen Nachmittag, wenn die letzten Tageskilometer zäh werden und die Sonne brennt, lenken mich inspirierende Gespräche von den Pilgermühen ab. In diesem Austausch lerne ich eine Menge über mich selbst. Gleichzeitig bekomme ich die Gelegenheit, etwas zurückzugeben.

Mit Smalltalk halten die Pilger sich selten auf.

Schnell spricht man über die Tiefen und Höhen des Lebens. Und wer über Gott sprechen möchte, wird von niemandem schief angeschaut. Ich genieße diese Offenheit zwischen quasi völlig fremden Menschen, denen ich in meinem Alltag so nie begegnet wäre. Und ich merke, dass ich auf dieser Pilgerreise beides brauchen werde: Zeit für mich, aber auch Zeit mit Menschen. Wir reflektieren unsere Gedanken und Gefühle auf so ehrliche Art, dass mir ohne diese Gespräche vieles nicht klar geworden wäre.

Nachdem die Grenze zwischen Portugal und Spanien überquert ist, bin ich nun zunehmend mit drei anderen Pilgern unterwegs. Innerhalb von wenigen Tagen wachsen wir zusammen, helfen uns gegenseitig und ich erkenne etwas Wichtiges. Mein Wunsch, diesen Weg „alleine“ zu bewältigen, hat an Relevanz verloren. Viel wichtiger ist es, Anderen helfen zu dürfen oder auch mal Hilfe anzunehmen. Denn es ist keine Garantie in Santiago anzukommen. Nicht wenige Pilger müssen ihre Reise abbrechen. Auch in meiner kleinen Pilgergruppe steht ein Mitglied kurz davor, das Handtuch zu werfen. Die körperlichen Strapazen und Schmerzen scheinen einfach zu groß.

Dabei haben wir es fast geschafft!

Wir reden einander gut zu und philosophieren am Abend in der Herberge darüber, welchen Plan der Weg für jeden Einzelnen von uns hat. Welchen Lerneffekt er in uns auslösen soll. Es sind nur noch drei Tage bis nach Santiago, doch längst scheint niemand mehr die Eigendynamik und den „Willen“ des Camino anzuzweifeln. Es herrscht eine spürbare Energie auf diesem Weg. Seine Aufgabe ist es nicht, uns unsere Wünsche zu erfüllen, sondern uns etwas beizubringen. Er gibt uns das, was wir unbewusst brauchen. Hält uns den Spiegel vor. Und dieser Prozess kann auch mit Schwierigkeiten verbunden und unangenehm sein. Fast jeder fragt sich ab einem bestimmten Punkt: „Was mache ich hier bloß? Warum tue ich mir das an?!“

Schlussendlich überwinden wir aber das Tief in der Gruppe. Erstaunlicherweise spornt uns diese gegenseitige Unterstützung in den letzten beiden Tagen noch einmal zu einer regelrechten Höchstleistung an. Als wir erschöpft, aber glücklich in Santiago de Compostela einlaufen, fühlt es sich an wie ein gemeinsamer Sieg. Jeder kann so stolz auf sich sein. Für mich ist es schön, den Glücksmoment nicht nur alleine zu genießen, sondern mit all den wunderbaren Menschen teilen zu können, die ich auf dem Camino getroffen habe. Da sitzen wir – müde, aber zufrieden, auf dem Vorplatz der Kathedrale. Ewig hätte ich dort verweilen können. Völlig erfüllt damit, die Umgebung zu genießen und zuzuschauen, wie weitere jubelnde und grinsende Pilger einlaufen. Überall wird man Zeuge von glücklichen Wiedervereinigungen und ich bin komplett im Hier und Jetzt, happy mit dieser Welt.

Doch der Weg ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende, denn bisher haben wir die Kathedrale nur von außen gesehen. Offiziell abgeschlossen ist die Pilgerreise erst, wenn man die Messe und das Grab des Apostels besucht und die Statue des Jakobus umarmt hat. Pünktlich gegen Mittag brechen wir also am nächsten Tag von unserer Herberge auf und schließen uns dem Strom von Menschen an, der sich in die Kathedrale ergießt. Bereits zwei Tage vorher haben wir an einer kleinen Pilgermesse im Kloster Herbón teilgenommen und ich erwarte in der Kathedrale irgendwie einen ähnlichen Ablauf. Die Messe im Kloster hat mir gut gefallen, aber ich war müde von unserer 32-Kilometer-Etappe und nicht allzu aufnahmefähig. Diesmal ist es jedoch anders. Es wird stiller um mich herum und ich sammle mich, sauge alle Eindrücke auf. Ich bin ganz bei mir und gleichzeitig fühle ich mich jedem in der Kathedrale auf eigenartige Weise verbunden.

Die Messe beginnt, doch diesen Auftakt habe ich nicht erwartet.

Eine der katholischen Nonnen beginnt zu singen. Ihre Stimme ist so klar und kräftig, dass sie mühelos das ganze Schiff der Kathedrale erfüllt. Ich bin komplett ergriffen. Vollkommen überrascht muss ich mit den Tränen kämpfen, habe einen Kloß im Hals. Gänsehaut breitet sich auf meinem gesamten Körper aus und ich kann nichts sagen, kann niemanden ansehen. Ich lasse zu, dass mich diese wundervolle Stimme trägt und einnimmt. Plötzlich kann ich verstehen, dass so viele Pilger in der Messe weinen müssen, denn es kommen so viele Emotionen hoch. Mit geschlossenen Augen genieße ich diesen kostbaren Moment.

Die Messe nimmt ihren Verlauf und zum Schluss werden wir noch mit einem besonderen Anblick belohnt. Der Botafumeiro (übersetzbar mit „Feuerkessel“), ein über 50 kg schweres, goldenes Weihrauchfass, wird entzündet und begleitet von dröhnender Orgelmusik durch das Kirchenschiff geschwenkt. Mehrere Männer, alle in rote Roben gekleidet, sind nötig, um den Botafumeiro mithilfe von meterlangen Seilen zu bewegen. Der „Feuerkessel“ nimmt ganz schön an Fahrt auf und die Luft wird erfüllt von dem würzig duftenden Rauch. Ein dramatischer Abschluss!

Der Abschied von meiner neuen „Camino-Familie“ fällt schwerer als gedacht, doch für mich ist es in Santiago noch nicht vorbei. Ich nutze die verbleibenden vier Tage bis zum Heimflug, um zum ca. 90 km entfernten „Ende der Welt“ zu pilgern – Kap Finisterre, dem westlichsten Punkt Europas. Eine Pilgerin aus unserer kleinen Gruppe geht den Weg ebenfalls und wir schließen uns zusammen. Nicht wenige Jakobspilger nutzen diese Verlängerung des Weges, der ebenfalls mit gelben Muscheln und Pfeilen ausgeschildert ist. Der Weg nach Finisterre ist landschaftlich unglaublich schön und viele wollen noch einmal die Gelegenheit nutzen, ein paar stillere Tage in der Natur zu verbringen, um dann ein sanftes Ausklingen des Weges am Kap zu genießen. Fern vom Pilgertrubel in Santiago, den ich persönlich übrigens zu keinem Zeitpunkt als anstrengend empfunden habe. Vielleicht, weil alle so eine glückliche und positive Energie ausstrahlen, wenn sie endlich das Ziel erreicht haben.

Tatsächlich ist der Weg zum Kap Finisterre aber noch mal ein Highlight für sich und wartet mit einem ganz besonderen Abschluss auf. Traditionsgemäß betrachtet man am Kap den Sonnenuntergang und verbrennt dann seine alten Wandersocken. Wir treffen auf eine andere Gruppe von Pilgern, die auf den Klippen ein Picknick veranstalten und uns herzlich dazu einladen. Keiner will sein verbliebenes Paar Socken verbrennen, also wandeln wir das Ritual ein wenig ab. Meine Pilgerfreundin und ich haben auf einen kleinen Zettel negative Eigenschaften oder Angewohnheiten aufgeschrieben, die wir loslassen wollen. Die Idee dazu hat sich an unserem letzten Abend in Santiago entwickelt. Bei einem köstlichen Mojito im Café Casino kam die Kerngruppe der letzten Tage noch einmal zusammen. Das Ambiente war edel und traditionell, passend zu der schönen Altstadt von Santiago. Dort unterhielten wir uns ein letztes Mal in aller Ausführlichkeit über den Jakobsweg. Schilderten unsere Eindrücke, Erwartungen und Emotionen. Wir bedankten uns beieinander. Teilten uns mit, was wir vom Camino mitnehmen und umsetzen wollen. Und dort erfanden wir auch das „Zettel-Ritual“.

Es geht darum, sich etwas bewusst zu machen.

Welche negative Angewohnheit halten mich nach wie vor davon ab, mein Potential zu entfalten? Welche schlechten Eigenschaften möchte ich hinter mir lassen? Nachdem wir unseren neuen Bekanntschaften am Kap Finisterre davon erzählt haben, wollen sie, begeistert von der Idee, auch alle einen Zettel. Anschließend warten wir, während der Tag langsam endet. Der Sonnenuntergang ist blutrot und malerisch schön. Der Atlantik erstreckt sich so weit das Auge reicht und die Wasseroberfläche glitzert in allen erdenklichen Farben. Schließlich verschwindet die Sonne hinter dem Horizont. Der Mond geht auf und mit ihm die Sterne. Wir entzünden das Feuer, verbrennen unsere gefalteten Papierschnipsel und im Anschluss lasse ich mich auf einem der Steine nieder.

Ich brauche einen Moment für mich allein und schaue in den Himmel. Unser Abschied in Santiago kommt mir wieder in den Sinn. Dankbarkeit erfüllt mich für die Aufrichtigkeit zwischen uns allen. Das Vertrauen, das wir miteinander geteilt haben. Mir ist bewusst, wie selten solche Begegnungen im Alltag sind. Wo niemand Schwäche zeigen will und man lieber über Banales redet, weil es sicherer ist. Anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sagen, was man fühlt oder denkt, ist nicht immer leicht. So offen mit neuen Bekanntschaften zu kommunizieren, war auch für mich ungewohnt. Daher weiß ich den Moment unseres Abschiedsgespräches sehr zu schätzen.

Mein Blick wandert über die zahllosen Sterne, die man hier besonders gut betrachten kann. Und auf einmal bekommen wir einen wahren Sternschnuppenregen zu sehen. Überall schießen sie am Himmel entlang! Es sind erst wenige Minuten vergangen und ich komme mit dem Zählen schon nicht mehr hinterher. Geschweige denn mit meinen Wünschen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Und wieder, genau wie in der Kathedrale, bin ich überwältigt.

In mir steigt die Erkenntnis auf, dass all das kein Zufall ist.

In diesem Moment zweifle ich nicht daran, dass Gott seine Schönheit offenbart hat. In der wunderbaren Natur und ihrem Schauspiel um mich herum. Genau wie in der Stimme der Nonne, die mir so sehr unter die Haut ging. Oder in den Gesprächen und Begegnungen auf diesem Weg, die mich zum Nachdenken gebracht haben.

All das hängt zusammen. Man muss nur die Augen öffnen und das Geschenk empfangen.

Auch jetzt noch erfüllen mich diese flüchtigen Offenbarungen mit tiefer Dankbarkeit und ich weiß, dass die Pilgerreise ein Wendepunkt in meiner Art zu glauben war. Die Kraft, die ich hier geschöpft habe, ist nachhaltig. Es waren nicht nur die Momente am Ende der Reise. Es war die ganze Magie des Weges. Eine Magie, die sich auch jetzt noch im „gewöhnlichen“ Alltag finden lässt. Zeichen, Omen, Hinweise des Schicksals. Kleinigkeiten, die man auch als Zufall bezeichnen könnte.

Meine Perspektive darauf hat sich verschoben.

Es wird mir erst Wochen später richtig bewusst und diese Erkenntnis vollzieht sich unaufgeregt und fast nebensächlich. Das Wissen, etwas so Besonderes erfahren zu haben, genügt mir, um zu sagen, ich glaube an eine Art von höherer Kraft. Und ich habe kein Problem mehr damit, dieser Kraft den Namen Gott zu geben.

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