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Ein Armband als Erinnerung für mehr Nächstenliebe

„Und was sollen wir sagen?“ fragt mich Marie während wir im englischen Chelmsford auf einen Obdachlosen zugehen. „Das werden wir schon sehen – das ergibt sich.“ versuche ich uns zu beruhigen und meine eigenen Hemmungen zu überspielen. Wir nähern uns dem Vodafone Laden, vor dem ein Mann auf dem Boden sitzt. Während er Armbänder flechtet und wir ihn begrüßen, blickt er auf. Er sieht älter aus, als er ist. Seine angefertigten Armbänder erleichtern uns den Gesprächseinstieg. Marie fragt neugierig, was er da macht. Wir sind interessiert und gehen neben ihm in die Hocke. Und so beginnt unser Gespräch. Ein Gespräch, das die nächsten 60min dauert und Marie und mich nachhaltig verändern wird. 

Im letzten Semester studierten Marie und ich in Großbritannien und lebten in dem kleinen typisch englischen Städtchen Chelmsford. Unsere Sonntage verbrachten wir häufig im nicht weit entfernten London und besuchten die Hillsong Church. Dabei ist es fast schon zur Tradition geworden, den Sonntagabend danach mit ein-zwei Pints Cider in unserem Lieblingspub ausklingen zu lassen. Ich erinnere mich gern an unsere Gespräche. Wieder einmal Gespräche über „Gott und die Welt“, aus denen ja auch unsere Idee zu unserem Blog Glaubenskarussell entstanden ist. An einem dieser Abende unterhielten wir uns über die Message des Gottesdienstes, in dem es darum ging, unserem Nächsten zu dienen. Schnell kamen wir auch darauf zu sprechen, dass uns in England und insbesondere in London so unfassbar viele Obdachlose nach Geld gefragt haben. Schließlich vermischten sich die Themen. Und es entstand bei uns der ambitionierte Wunsch – möglicherweise als eine Nebenwirkung der vielen Pints, die uns unbeschwert und grenzenlos fühlen ließen – den Obdachlosen in Chelmsford etwas Gutes zu tun. 

Fast beschämt haben wir festgestellt, dass wir bei Obdachlosen fast immer wegschauen. Sie ignorieren. Ihnen weder Geld, noch einen Blick schenken. Und sie vielleicht sogar innerlich verurteilen. Marie und ich fassten den Entschluss, in der folgenden Woche aktiv auf Obdachlose in Chelmsford zuzugehen und zu versuchen, ihnen etwas zu geben. Und zwar, indem wir einfach fragen wollten, was sie brauchen. 

Vielleicht etwas weniger mutig als am Sonntagabend, aber dennoch fest entschlossen, zogen wir Ende der Woche los. Die anfangs beschriebene Begegnung mit Dave war für mich der erste persönliche Kontakt mit einem Obdachlosen. Wir zeigten Interesse an ihm, unterhielten uns über Chelmsford, und lernten ihn ein wenig kennen. Nach einer Stunde fragten wir ihn, ob er Essen oder Kleidung benötigt. Er schaute in seinen Beutel, in dem er sein Essen gelagert hat und verneinte ganz genügsam. Schließlich baten wir Dave an, ihm noch eine warme Mütze zu kaufen. Schließlich stand der Winter vor der Tür und mit ihm die härteste Zeit für Menschen auf der Straße. Das Angebot nahm er gern an. Wir hatten Dave schon richtig ins Herz geschlossen und wollten ihm neben unserer Aufmerksamkeit auch noch etwas Materielles schenken. Mit der versprochenen Mütze und einem kleinen Schal kehrten wir zu ihm zurück. Bevor wir uns mit einem breiten Lächeln und einem erwärmten Herzen bei Dave verabschiedet haben, schenkte er uns noch eines seiner geflochtenen Armbänder.

Dieses Armband tragen wir nun ständig an unserem Arm. Es erinnert uns an Dave und an all die anderen Obdachlosen, auf die wir nach diesem Tag zugegangen sind. Mal haben wir ein Lächeln, mal ein „How are you?“ geschenkt – einfach ein bisschen Aufmerksamkeit und Freundlichkeit. Manchmal auch etwas Materielles wie einen Kaffee, ein Happy Meal oder ein Paar neue Schuhe. Mich persönlich erinnert dieses Armband daran, zu dienen, großzügig zu sein und mich aus meiner Comfortzone zu bewegen. 

Warum erzähle ich euch von diesen Begegnungen? Ich glaube, wir leben in einer Gesellschaft, in der es vor allem darum geht, selbst weit zu kommen. Dabei denkt man häufig nur an sich. Wie schaffe ich es, meine Ziele schnellstmöglich zu erreichen? Und wer kann mich dabei am besten unterstützen? In unsere Leistungsgesellschaft geht es im Endeffekt häufig nur um uns. Ich, ich, ich. 

Und meiner Meinung nach verfehlt das absolut das Prinzip der Nächstenliebe, welches das Geben, Hilfsbereitschaft und das Wohl des anderen einschließt. Und das hat nicht nur etwas mit christlichen Werten zu tun, sondern auch mit ethischen Normen, die sich bei allen religiösen Gemeinschaften wiederfinden. So ist zum Beispiel die Unterstützung von Bedürftigen als eine von fünf Säulen des Islams fest im muslimischen Glaubensverständnis verankert. 

Bei unseren Begegnungen mit den Obdachlosen in England hat mich insbesondere eine Stelle im Matthäusevangelium inspiriert und motiviert. Da sagt Jesus „Das will ich euch sagen: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.“ Obdachlose stehen am Rande unserer Gesellschaft und werden so oft verurteilt. Und das ist absolut grausam. Sollte nicht jedem Menschen unabhängig von gesellschaftlichem Rang, Vermögen oder Charakter mit Würde begegnet werden? Immerhin sind sie genauso wie andere ein geliebtes Geschöpf Gottes. Dass bei Gott alle gleich sind, sollte sich auch in unserem Verhalten widerspiegeln, oder? Natürlich sollten wir unsere Taten nicht auf die „Geringsten“ beschränken. Vielmehr sollte es eine Grundsatzeinstellung werden. Anderen etwas Gutes zu tun, sie zu unterstützen. Das sollte so sehr bei uns verankert sein, dass es eine Selbstverständlichkeit wird. Wie eine Art Automatismus. 

Wie würde eine Welt aussehen, in der das gegenseitige Dienen – in welcher Form auch immer – ganz normal und selbstverständlich ist?

Als Marie und ich uns mit dem Thema Obdachlosigkeit auseinandergesetzt haben und recherchierten, wie wir sie am besten unterstützen können, haben wir auch Stimmen gelesen, die eine negative Einstellung gegenüber den auf der Straße Lebenden hatten. Zum Beispiel lasen wir: „Können die nicht arbeiten gehen?“ oder „Die sind doch freiwillig auf der Straße und selbst schuld.“ oder „Da unterstütze ich lieber xy und nicht Obdachlose.“ oder „Wenn man denen Geld gibt, geben sie das doch eh nur für Drogen aus.“. Mich haben solche Stimmen ziemlich getroffen und enttäuscht. Zum Teil kann ich diese Gedanken verstehen, obwohl ich sie nicht teile. Vielleicht sind die Obdachlosen freiwillig auf der Straße, könnten theoretisch wirklich arbeiten oder haben eine Suchterkrankung, die sie womöglich selbst zu verantworten haben. Dennoch denke ich, dass es absolut vermessen ist, sich aufgrund vermuteter Hintergründe ein abwertendes Urteil zu bilden oder gar zu verallgemeinern. Wer sind wir, dass wir als Menschen entscheiden können, ob es nun gerechtfertigt ist auf der Straße zu leben? Wer sind wir, dass wir darüber urteilen dürfen, wer einen Kaffee verdient oder nicht? Wir sind nicht der Richter über diese Menschen und sollten uns demnach hüten, sie zu verurteilen. Ich sehe in solchen Momenten nur einen Menschen, der friert und/oder Hunger hat und den ich mit einem Sandwich oder einer Mütze vielleicht etwas helfen kann. Gerade als Christ will ich mich doch bemühen, Gutes zu tun und alle Menschen zu achten. Auch in anderen Lebenslagen kann es sein, dass wir nicht verstehen, warum jemand unserer Hilfe braucht, da „die Person das doch eigentlich selber hinbekommen müsste“. Ich denke, dass uns das Warum? da nicht hilft. Unser Kommilitone oder unsere Kollegin hat bestimmt Gründe, die Arbeit nicht geschafft zu haben. Wir können danach fragen, aber vor allem haben wir die Möglichkeit, Hilfsbereitschaft zu zeigen. Auch hier gilt: weniger hinterfragen, nicht verurteilen, sondern mit Liebe begegnen.

Ehrlich gesagt hat mir die Begegnung mit Dave und den anderen Obdachlosen nicht nur einiges an Hemmung genommen, sondern war für mich persönlich auch eine Art Startpunkt, mein Leben noch mehr auf Jesus auszurichten. Damit meine ich, noch selbstverständlicher meine Freunde zu unterstützen, meiner Familie nützlich zu sein oder Fremden zu helfen. Auch in den buddhistischen Lehren ist Großzügigkeit essentiell und wird als befreiende Handlung betrachtet. Das Zugehen auf Menschen, die meistens mit Ignoranz leben müssen, schafft hier Vertrauen und erinnert an die Buddhanatur in allen Geschöpfen. Für Marie war das eine wichtige Motivation und zeigt, dass man aus jeder Begegnung auch selbst reich hervorgeht, indem man etwas lernt.

Dennoch stellen wir uns die Frage, ob es irgendwo ein „Genug“ der Nächstenliebe gibt. Ich meine, muss ich wirklich mein allerletztes Hemd geben? Ab wann schade ich mir vielleicht selbst? Nicht zuletzt sehe ich auch bei Freunden, wie viel sie für andere opfern und sich dabei teilweise selbst vergessen. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass sie nicht genug Schlaf bekommen oder selbst in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Ich denke, dass sich das Dienen für andere und das Kümmern um mich nicht ausschließen. Vielmehr bedingen sie sich. Was nützt es anderen, wenn ich selbst so erschöpft bin, sodass ich nicht für andere da sein kann? Aus einem leeren Wasserglas kann ein Durstiger nicht versorgt werden. Aus diesem Grund ist es eben auch wichtig, auf sich und seine Bedürfnisse zu achten, damit ein Helfen überhaupt möglich ist. Das sollten wir dabei nicht vergessen.

Ich denke, dass wir durch Nächstenliebe einen wirklichen Unterschied in der Gesellschaft machen können und das auch unabhängig von einer Religionszugehörigkeit. Mit dem Artikel wollen wir euch vor allem dazu ermutigen, sensibel wahrzunehmen, mit offenem Blick umherzuschauen, achtsam zu sein, wie ihr anderen mit kleinen Gesten dienen könnt. Habt Mut, aus eurer Komfortzone zu gehen. Seid bereit, Dinge zu tun, die euch schwerfallen.

Vielleicht ist es, sich gemeinnützig zu engagieren. Jemandem ein Kompliment zu machen. Die Rechnung für einen Freund zu übernehmen. Eine kleine Macke von dem Bruder oder der Schwester unausgesprochen zu lassen und sie einfach akzeptieren. 

Wir haben gemerkt, wie erstaunlich leicht es ist, einfach mal neben einem Menschen, der auf der Straße leben muss, in die Hocke zu gehen, zu lächeln und zu fragen wie es ihm geht, wie er heißt, ob er etwas braucht. Auf Augenhöhe zu gehen und zu merken, dass die meisten sich unglaublich über schlichte Freundlichkeit und eine kleine Unterhaltung freuen. Dabei hilft es, sich in die Betroffenen hineinzuversetzen, die oft den ganzen Tag mit Missachtung zu kämpfen haben. Dave hat uns gezeigt, dass auch die raue Umgebung der Straße einen nicht zu einem ‚schlechten‘ Menschen macht. Er hat viel erzählt, war länger in Israel und hat einiges erlebt, was wir nie erfahren hätten, wenn wir uns nicht die Zeit für ihn genommen hätten. Wir sind also definitiv in dieser Unterhaltung ebenso beschenkt worden wie umgekehrt.

Was macht ihr, um anderen etwas Gutes zu tun? Und warum macht ihr das? Was ist euer Antrieb? Wir freuen uns auf eure Antworten in den Kommentaren 🙂

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