Autor: Marie

Unsere England-Experience

„Oh, you are from Germany!“ Der englische Mönch strahlt und erzählt uns sogleich eine Anekdote aus seinem Leben, als er noch mit einem alten Bus durch Europa gereist ist. Die Polizei in Deutschland, so sagt er, hatte ihn einmal im Visier. Damals stand er ziemlich lange mit seinem Bus an einem Ort. Mitten in der Natur an einem Fluss, um ausgiebig das Herz-Sutra zu studieren. Das Herz-Sutra gehört zu den wichtigsten Schriften des Mahayana-Buddhismus. Es enthält sozusagen den Kern, das „Herz“ der buddhistischen Lehre. Es ist vergleichsweise kurz. Um also die buddhistische Weisheit zu verinnerlichen, rezitieren viele Gläubige das Herz-Sutra gewissenhaft jeden Tag. Zum Beispiel in Form eines Mantras. Während der Mönch also fleißig tagelang an einem Fluss in Deutschland das Herz-Sutra studiert hat, wurde die Polizei auf ihn aufmerksam. Was war das für ein komischer Mann, der alleine in einem Bus lebt und Tag für Tag seltsame Verse vorliest? War es möglich, dass er etwas Kriminelles plant? Die heimliche Überwachung durch die Polizei begann. Bis es den Beamten irgendwann zu bunt wurde und sie …

An mehr als nur eine Religion glauben. Geht das?

„Du kannst nicht drei verschiedene Religionen gleichzeitig haben. Wenn man an alles gleichzeitig glaubt, ist es im Grunde genommen nichts anderes, als wenn man an gar nichts glaubt.“ Ein Satz aus dem Film Life Of Pi, der bei mir hängengeblieben ist. Der fiktive Film handelt von einem indischen Jungen, der seine ganze Familie bei einem Schiffsunglück verliert und wochenlang in einem Rettungsboot (und in Gesellschaft eines Tigers) auf dem Pazifik treibt. Das Zitat stammt vom Vater des Jungen, als die Familie noch in Indien gelebt und einen Zoo bewirtschaftet hat. Zu diesem Zeitpunkt hat der kleine Pi Bekanntschaft mit den hinduistischen Gottheiten, mit Jesus Christus und mit Allah gemacht. Und weil er sich zu allen hingezogen fühlt, tut er was? Genau, er betet zu allen. Pis Vater stört sich daran. Er glaubt an die Erkenntnisse der Wissenschaft und betont, Pi solle seinen Glauben immer mit rationalem Denken begründen und hinterfragen. Später im Film erklärt der Erwachsene Pi, der Glaube sei wie ein Haus mit vielen Zimmern auf vielen Stockwerken. Und dort ist auch Raum für …

Können Tarot-Karten in die Zukunft blicken? Mein Besuch bei einer Wahrsagerin [Part I]

Es ist Samstagabend, der dritte Advent steht kurz bevor und auf dem städtischen Weihnachtsmarkt herrscht reges Gedränge. Ich schlendere mit einer Freundin über den mittelalterlichen Teil des Marktes und wir unterhalten uns über das vergangene Jahr und unsere Träume für das neue. Umbrüche, offene Fragen und auch Widersprüche beschäftigen uns, ein paar Antworten wünschen wir uns wohl beide. Vielleicht ist es kein Zufall, dass wir ausgerechnet in diesem Moment an einem geheimnisvollen, kleinen Zelt vorbeikommen, das mit dem Legen von Tarot-Karten wirbt. Eine ältere Dame mit breitkrempigem Hut und einem toten Fuchs um den Hals kommt gerade daraus hervor. Ihre Miene ist düster, ihr Blick unfreundlich. Klischee Jahrmarkthexe erfüllt, schießt es mir durch den Kopf. Trotzdem überwinde ich mich zu fragen, was der Spaß kostet. 10 Euro für einen fünfzehnminütigen Blick in die nahe Zukunft. Das kann ich mir mit meinem knappen Studentenbudget gerade noch so leisten. Also raus aus der winterlichen Kälte und dem Markttrubel und rein in das wohlig beheizte Zelt. Drinnen ist gerade einmal Platz für einen kleinen Tisch, drei Stühle und …

Offen für Gott – Wie der portugiesische Jakobsweg mich verändert hat

Der Jakobsweg. Oder klangvoller auf Spanisch: Camino de Santiago de Compostela. Camino bedeutet Weg und Santiago de Compostela (eine traditionsreiche, spanische Stadt) ist das Ziel dieses Weges – der Weg nach Santiago also. Genauer zu einer gewaltigen Kathedrale, in der sich der Legende nach die Gebeine des heiligen Jakobus befinden. Des Jünger Jesu, der später in Spanien missionierte und als Märtyrer für das Christentum starb. Bereits im Mittelalter wurde der Weg von Christen gepilgert, denn die Route nach Jerusalem zum Grabe Jesu war aufgrund kriegerischer Kreuzzüge ein lebensgefährliches Unterfangen. Neben Rom und Jerusalem wurde Santiago zu einem der wichtigsten Pilgerziele der Christengemeinde. Wer die Pilgerreise nach Santiago de Compostela erfolgreich abschließt, der wird, laut katholischem Glauben, von seinen Sünden reingewaschen. Es geht also in gewisser Weise darum Buße zu tun. Mittlerweile ist der Jakobsweg einer der am stärksten frequentierten Pilgerwege weltweit. Seine Berühmtheit hat er sicher auch den Büchern des brasilianischen Schriftstellers Paulo Coelho oder des deutschen Komikers Hape Kerkeling zu verdanken. Beide Männer sind den Weg gegangen. Und beide verbindet dabei die Suche nach …