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An mehr als nur eine Religion glauben. Geht das?

„Du kannst nicht drei verschiedene Religionen gleichzeitig haben. Wenn man an alles gleichzeitig glaubt, ist es im Grunde genommen nichts anderes, als wenn man an gar nichts glaubt.“

Ein Satz aus dem Film Life Of Pi, der bei mir hängengeblieben ist. Der fiktive Film handelt von einem indischen Jungen, der seine ganze Familie bei einem Schiffsunglück verliert und wochenlang in einem Rettungsboot (und in Gesellschaft eines Tigers) auf dem Pazifik treibt. Das Zitat stammt vom Vater des Jungen, als die Familie noch in Indien gelebt und einen Zoo bewirtschaftet hat. Zu diesem Zeitpunkt hat der kleine Pi Bekanntschaft mit den hinduistischen Gottheiten, mit Jesus Christus und mit Allah gemacht. Und weil er sich zu allen hingezogen fühlt, tut er was? Genau, er betet zu allen.

Pis Vater stört sich daran. Er glaubt an die Erkenntnisse der Wissenschaft und betont, Pi solle seinen Glauben immer mit rationalem Denken begründen und hinterfragen. Später im Film erklärt der Erwachsene Pi, der Glaube sei wie ein Haus mit vielen Zimmern auf vielen Stockwerken. Und dort ist auch Raum für Zweifel. Zweifel hält den Glauben lebendig. Doch die wahre Stärke des Glaubens offenbart sich erst, wenn er auf die Probe gestellt wird. Pis späteres Schicksal im Film hält mehr als eine Probe für ihn bereit, doch darum soll es jetzt nicht gehen.

Schon lange beschäftigt mich die Frage, warum es oft so problematisch scheint, mehrere Religionen gleichzeitig zu haben. Ich weiß, Life of Pi ist nur ein Film. Und obwohl Pi nur ein fiktiver Charakter ist, wirkt die Darstellung seines religiösen Zugangs klar und unverfälscht. Als Hindu ist er aufgewachsen und ohne die Verbindung zu seinen hinduistischen Wurzeln zu verlieren, lässt er das Christentum und den Islam in sein Leben. Sein Antrieb ist kindliche Neugierde und ein Gefühl von Vertrauen und Verbundenheit.

Dieses Beispiel zeigt mir, dass Glaube kein festes Paar Schuhe sein muss, in das wir nach unserer Geburt schlüpfen. Glaube ist ein wandelbarer Prozess; wie das Leben selbst der ständigen Veränderungen unterworfen. Und doch immer mit einer Konstante versehen – dem Fundament des Hauses.

Aber kann eine Religion überhaupt „wahrer“ sein als eine andere?

Es ist keine Neuigkeit, dass Religionen Parallelen und Überschneidungen haben. Warum erscheinen also viele Glaubensbekenntnisse trotzdem so starr?

Seit ich im Rahmen von Glaubenskarussell tiefer in die verschiedenen Religionen eintauche und beobachte, wie sich Christen, Muslime, Juden und auch Buddhisten auf Online-Plattformen oder im realen Dialog präsentieren, fällt mir eines stark auf: Die Unerschütterlichkeit der eigenen Glaubensrichtung. Der Glaube ist hier oft wie ein Fels in einer Brandung. Ein Fels der Erkenntnis in einem Meer aus Unwissen. Das Vertrauen, dass der eigene Weg ans Ziel führt, ist übermächtig und die übrigen Pfade scheinen eher Irrwege zu sein. Ähnliches habe ich bei Atheisten beobachtet, die sich voller Vertrauen auf die Beweiskraft der Wissenschaft verlassen. Die Worte „Gott“ oder „Religion“ lösen bei manchen schon beinahe eine allergische Reaktion aus.

Sicher hat es eine Menge Vorteile, wenn der eigene Glaube die Eigenschaft eines Felsens in der Brandung hat. Man kann nicht untergehen. Man bleibt stark.

Zumindest auf den ersten Blick.

Doch mit der Zeit trägt das Meer selbst den stärksten Felsen ab. Und dem Felsen bleibt nichts anderes übrig, als sich zu transformieren. Er wird Teil von etwas Größerem, vermischt sich mit anderen Felsen, die ebenfalls in den Fluten aufgelöst wurden. Weder sein Anfang, noch sein Ende sind jetzt noch erkennbar.

Wenn alles zur gleichen Quelle zurückkehrt, aus der es stammt, warum sich dagegen zur Wehr setzen? Viele Glaubensbekenntnisse sind tausende Jahre alt und insbesondere institutionellen Kirchen gelingt der Spagat zur heutigen Weltsicht der Menschen nur schwer. Denn das moderne Weltbild ist nun einmal geprägt von den Erkenntnissen der Wissenschaft. Der Horizont hat sich in der modernen Physik von einer zentralen Erde hin zu möglichen Mulitversen verschoben, in denen die Erde nur ein Krümel in der Endlosigkeit ist. Was sagt das über den Sinn des Lebens aus? Religionen und Wissenschaft haben es hier irgendwie schwer mit einer symbiotischen Transformation.

Zu diesem Schluss kommt auch der Mystiker, Zen-Meister und Benediktiner-Mönch Willigis Jäger. Als geweihter, katholischer Priester zog er sich in ein buddhistisches Zen-Kloster in Japan zurück und praktizierte viele Jahre stille Meditation, ehe er als Zen-Meister anerkannt wurde. Beide Glaubensrichtungen sind für ihn vereinbar. In beiden machte er bedeutende, spirituelle Erfahrungen. Willigis Jäger entdeckte das kontemplative Gebet neu, auf das er als junger Mönch in Schriften der Klosterbibliothek seines Benediktinerordens gestoßen war und das ihm auf subtile Weise die Gleichheit der spirituellen Wege offenbarte.

Führen viele Wege an das gleiche Ziel?

In jeder Religion gibt es heilige Schriften, Bücher und Rituale, doch ebenso gibt es Wege und Praktiken der direkten Gotteserfahrung, die über das Begriffliche hinausgehen: Verschiedene Meditationsformen wie Zen oder Vipassana im Buddhismus, der Yoga-Weg im Hinduismus, der Sufismus im Islam, die Kabbala im Judentum und die Kontemplation im Christentum. Sie alle haben dasselbe Ziel der Gotteserfahrung, der Auflösung des Ich in Gott, so Willigis Jäger.

In Deutschland gründete er den Benediktushof Holzkirchen und eine moderne Zen-Linie, die sich für Offenheit gegenüber allen religiösen Konfessionen und der Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse auszeichnet.

Für seine Auffassungen und Ansichten erhielt er allerdings Rede- und Auftrittsverbot seitens der katholischen Kirche. Seine persönlichen Erfahrungen würden Glaubenswahrheiten verfälschen, so die Kirche. Alte Glaubenswahrheiten müssen neu gedeutet werden, so Jäger, der sich nicht an das Verbot hielt und sich von seinem Kloster exklaustrieren („beurlauben“) ließ, welches jedoch bis heute zu ihm steht.

Unterschiedliche Vorstellungen von „Glaubenswahrheiten“

Der Fall Willigis Jäger zeigt, wie kontrovers der individuelle Glaube sein kann. Ist Gott dreieinig wie im Christentum? Eine Unterscheidung in Vater, Sohn und Heiliger Geist? Obwohl diese Unterscheidung gleichzeitig auf eine Einheit hindeutet, vertritt Jäger scheinbar nicht „die richtige Vorstellung“ jener Einheit. Denn seine Vorstellung beinhaltet, meiner Auffassung nach, keine Dualität und demnach auch keine Trinität. Die Auflösung des Ich in Gott macht also eine Beziehungsstruktur, die auf „Ich und Du“ fußt, schwer möglich.

Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir das alles zu theoretisch, zu schwer erfahrbar vor. Und ich frage mich, wieso ist das wichtig?

Ich bin dankbar für Willigis Jäger, der unerschrocken seinen Glauben immer wieder neu prüft und ich zweifle nicht an seinen tiefen, spirituellen Erfahrungen. Er geht den buddhistischen und den katholischen Weg. Und auch wenn die Strecke eine andere sein mag, führen für ihn beide ans selbe Ziel.

Der Mensch als „eine von vielen Ausdrucksformen göttlicher Energie“

Unabhängig davon, was nun tatsächlich wahr ist oder nicht, rückt er den Glauben in die Welt des Erfahrbaren. Für Jäger manifestiert sich Gott in den Milliarden Existenzformen, die uns umgeben und die wir selbst sind. Ein Mensch ist also nur eine von vielen Ausdrucksformen göttlicher Energie.

Und wenn ich mir die Welt und das Universum um uns herum ansehe, ergibt das für mich Sinn.

Die Äste und Wurzeln eines Baumes ähneln Flüssen von oben betrachtet, die das Land durchziehen. Ihr Aufbau erinnert an die neuronalen Verästelungen in menschlichen und tierischen Körpern. Strukturen und Formen, die sich auf gewisse Weise überall wiederfinden. In wachsenden Eiskristallen oder in der feinen Struktur eines einzelnen Blattes. Und warum erinnern uns Farben und Beschaffenheit einer Iris an die Farben des Universums?

Obwohl so verschieden, scheinen all diese Ausdrucksformen doch irgendwie einen gleichen Nenner zu besitzen, dem gleichen Bauplan zu folgen. Der Wechsel der Jahreszeiten, die Abfolge von Geburt und Tod erinnert mich manchmal an gewaltige Atemzüge. Ein und Aus. Ein beseelter Rhythmus, in dem ein menschliches Leben nur ein kleiner Teil dieses Atemzuges ist, aber dennoch bedeutsam und wichtig für den Fortbestand von allem.

In Anbetracht dessen scheint es mir nicht logisch, dass es nur die EINE wahre Religion gibt, die als einzige zum Seelenheil oder zur Erlösung führt.

Was also ist falsch daran, in allen Glaubensrichtungen zu suchen und sich dabei auch in mehreren Zuhause zu fühlen? Ein buddhistischer Mönch hat einmal in seinen Lehren davon abgeraten, verschiedenen Traditionen zu folgen, da sie den Geist nur unnötig verwirren würden. Aber sind nicht gerade diese Verwirrungen wichtig, um das Leben und Gott tiefer zu begreifen? Um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen? Ich finde es schade, dass viele Menschen die Dinge, an die sie glauben, nicht mehr hinterfragen. Inter-religiöser Austausch verläuft oft eher träge und widerwillig. Dialoge bleiben an der sicheren Oberfläche. Kritik wird gar nicht oder nur sehr vorsichtig geäußert.

Mut zur Diskussion und zum Austausch

Ich glaube, es lohnt sich, Mut zu zeigen und mehr in die Tiefe zu gehen. Zuzulassen, dass der eigene Glaube vielleicht auch mal erschüttert wird und man sich für fremde Ansichten ernsthaft öffnet. Eine aktive Suche nach Parallelen in den verschiedenen Glaubensrichtungen startet. Dogmen und Regeln mit Herz und Verstand prüft. Dazu gehört auch, unangenehme Fragen zuzulassen. Sie sich sogar ganz bewusst selbst zu stellen. Und sich nicht auszuruhen auf einer vermeintlichen Wahrheit, ganz gleich, wie sehr man darauf bislang vertraut hat.

Damit meine ich auf keinen Fall, sein Vertrauen in Gott oder den Sinn des Lebens zu untergraben. Dieses Vertrauen kann vielmehr als Antrieb funktionieren, sich immer wieder neu mit den wichtigsten Fragen des Daseins auseinanderzusetzen. Insofern hat Pis Vater nicht ganz unrecht, wenn er von seinem Sohn verlangt, seinen Glauben mit dem Verstand zu überprüfen. Ich glaube, die Figur Pi hat das getan. Mit Verstand, Herz- und Bauchgefühl. Und sich dann trotzdem bewusst für die vielen Religionen entschieden.

Es ist ein Thema, das mich lange und intensiv beschäftigt. Wie geht es euch? Was haltet ihr von Inter-Religiosität? Sind manche von euch vielleicht neu konvertiert, haben ihre Religionsgemeinschaft gewechselt oder mehrere Glaubensrichtungen für sich kombiniert? Vielleicht ist auch das Gegenteil der Fall und ihr habt nie an eurem Glaubensweg gezweifelt? Teilt gerne eure Meinungen in den Kommentaren! Wir freuen uns über jede Art von Input zu diesem kontroversen, aber spannenden Thema!

 

 

 

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